Der Libanon hat das Unmögliche möglich gemacht und schlägt den Iran mit 1:0. Damit ist die Mannschaft von Trainer Theo Bücker der Weltmeisterschaft in Brasilien einen großen Schritt näher gekommen. Eine Teilnahme wäre eine Sensation.
Noch vor einem Jahr galt Basketball als der
beliebteste Sport des Landes. Aber dann kehrte der deutsche Trainer Theo Bücker
zurück zum Amt des Nationaltrainers und verwandelte das Land in wenigen Wochen
in einen Hexenkessel. Es ist das erste Mal, dass sich der Libanon in der
letzten und entscheidenden Qualifikationsrunde einer Weltmeisterschaft
befindet. Nachdem die Mannschaft 2011
erst 6:0 gegen Korea verlor, marschierte sie danach fast lässig in die letzte
Runde auf dem Weg nach Brasilien. Im Januar kam dann der Schock: Spielmacher
und Kapitän Roda Antar (ehemalig 1.FC Köln) verletzte sich während eines Spiels
in der chinesischen Liga und fiel für die ersten drei Spiele aus. Keines konnte
das Team gewinnen, klebte mit nur einem Punkt als Gruppenletzter in der
Tabelle. „Es ist schwer zu sagen, ob die Spiele anders verlaufen wären, wenn
ich auf dem Platz gewesen wäre. Ich weiß nur, dass ich jetzt alles geben werde,
damit wir siegen werden“, sagte Roda Antar kurz vor dem Spiel in einem
Interview zu Spiegel Online. Der 31-Jährige schwärmt indes von der Leistung
Bückers. „Was er in unserem Land erreicht hat, ist unglaublich. Wir haben eine
richtig gute Mannschaft zusammen bekommen.“
Kapitän Antar trifft, Torwart Abbas wird zum Held

Die Spieler des Libanons haben aber auch mit Problemen zu kämpfen, die ihre Gegner nicht kennen. Der heimische Fußball sei nicht professionell genug, um davon gut Leben zu können. Viele Spieler haben noch einen anderen Beruf, um Geld zu verdienen. Es gibt kaum vernünftige Plätze zum trainieren. Gerade in der Phase vor dem wichtigen Spiel gegen den Iran, war der Rasen im Sports City Stadion in Beirut plötzlich von einem Pilz befallen. Das Training musste in Saida, einer knappen Autostunden von Beirut, oder auf Kunstrasenplätzen stattfinden. Der Rasen ist mittlerweile notdürftig geflickt, professionell kann man das dennoch nicht nennen. Es ist aber das einzige Stadion im ganzen Land, das den Sicherheitsbestimmungen der FIFA genügen würde. Irans Trainer Carlos Queiroz zeigte Unverständnis: „Ich verstehe nicht, warum wir bei einem so wichtigen Spiel auf einem schlechten Rasen spielen müssen, wenn es einen bessern gibt.“ Schlimmer erachtete der Portugiese, der einst Real Madrid und die portugiesische Nationalmannschaft trainierte, allerdings die Uhrzeit. Um 17 Uhr Ortszeit ist Anpfiff. „Wenn sich die Spieler um vier aufwärmen, sind sie doch bis zum Anpfiff ko. Die Uhrzeit macht das ganze Spiel kaputt, verringert die Leistung der Spieler, die Schnelligkeit des Spiels.“
Während Theo Bücker nur einen Tag zuvor noch die
Bälle flachhielt und versuchte, die Euphorie etwas zu bremsen, zeigte seine Elf
von der ersten Minute an, dass sie gewinnen wollten. Iran spielte aggressiv
nach vorne, kam aber nur schwer an der gut organisierten Abwehr vorbei. Einer
der herausragenden Spieler hier war neben Youssef Mohamed (ehemals 1.FC Köln)
Haitham Faour. Es sollte aber der Abend eines einzigen Spielers werden: Torwart
Abbas Hassan. Küsste der Schützling von Torwarttrainer Christian Schweichler
noch betend die Torpfosten vor Spielbeginn, musste der 26-Jährige bereits in
der ersten Minute einen leichten Ball halten. Und so ging es weiter: gelingt
den Iranern der Weg durch die libanesische Abwehr, steht dort immer Abbas Hassan.
In Minute 20 tauchen endlich einmal die Libanesen vor dem gegnerischen Strafraum
auf, Torwart Seyed Rahmati klärt, Libanon bleibt am Ball schießt aber übers
Tor. Nur acht Minuten später bekommt der Libanon erneut einen Freistoß: Mohamed
Haidar schlägt den Ball auf den langen Pfosten, dort steht Kapitän Antar;
dieser köpft den Ball eiskalt ins Tor. 1:0 für den Libanon.Spieler feiern als hätten sie die WM schon gewonnen.
Das Publikum tobt, Jubelrufe und Sprechgesänge
übertönen Hupen und Tröten. Waren am Anfang die wenigen iranischen Fans die
lautesten, verstummen sie plötzlich. Die Party auf den Rängen kennt keine
Grenzen mehr. Das iranische Team wird zunehmend nervös, kann einen Freistoß
kurz vor Abpfiff nur knapp übers Tor schießen. In der zweiten Halbzeit bleibt
der Libanon weiter gefährlich, den Spielern fehlt aber die letzte Konsequenz im
Abschluss. Zwar gelingen ihnen zahlreiche Kontermöglichkeiten über Mohamed
Haidar, keiner konnte jedoch abgeschlossen werden. Die Iraner setzten alles,
die libanesische Betonmauer zu durchbrechen, schickten alle Männer in die
Offensive. Früh fangen die Libanesen an auf Zeit zu spielen, das 1:0 nicht mehr
aus den Händen zu geben. Am Ende wird es noch einmal richtig spannend: der Iran
will nicht sieglos vom Platz gehen und startet das gegnerische Tor zu
attackieren. Aber dort steht Abbas Hassan und hält einen Ball nach dem anderen.
Vier Bälle pariert er, verteidigt den Sieg wie kein anderer. Wenige Momente vor
Abpfiff bekommen die Iraner noch einen Freistoß im Strafraum zugesprochen, die
Spannung unter den Zuschauern steigert sich ins unermessliche. Als die Pfeife
des Schiedsrichters die Libanesen erlöst, rennen die Spieler jubelnd über das
Spielfeld als hätten sie gerade die Weltmeisterschaft gewonnen.
Torwart Abbas Hassan wirft enthusiastisch seine
Handschuhe und Turnschuhe ins jubelnde Publikum, auf Socken rennt er weiter
über den Rasen. Irans Trainer Carlos Queiroz beschreibt das Spiel in wenigen
Worten: „Heute Abend ist ein Nationalheld geboren. Abbas hat am Ende gegen den
Iran gewonnen. Was kann ich machen, wenn ein Torwart vier Bälle hintereinander
hält?“ Die Fans widersprechen dem nicht, sie kennen an diesem Abend nur einen
Namen: Abbas. Für Trainer Queiroz wird es jetzt ernst. Die Qualifikation des
Irans ist gefährdet. Von Verantwortung will er nichts hören, Schuld war der
Rasen, die Schiedsrichter und eben Abbas. Für die Libanesen ist all das nicht
wichtig. Es geht jetzt nicht um Brasilien, sondern nur um diesen einen Sieg und
der wird jetzt gefeiert.
Dieser Artikel ist am 13. September 2012 bereits auf 11FREUNDE erschienen.
Dieser Artikel ist am 13. September 2012 bereits auf 11FREUNDE erschienen.


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