Montag, 24. September 2012

Carlos Queiroz: „Im Fußball gibt es keinen Morgen“


Interview von Helen Staude / 
Foto von Björn Zimprich

Die iranische Nationalmannschaft verlor in der WM-Qualifikation gegen den Libanon. Nun steht der Verband vor einer Krise, die WM in Brasilien wackelt. Helen Staude sprach mit Trainer Carlos Queiroz warum sich viele asiatische Länder vom internationalen Niveau immer weiter entfernen.


Helen Staude: Herr Queiroz, Sie stehen mit dem Iran in der letzten Runde der WM-Qualifikation. Das letzte Spiel gegen den Libanon haben Sie als klarer Favorit überraschend verloren. Aber auch das Freundschaftsspiel gegen Jordanien endete nur 0:0. Dabei ist der Iran einer der Favoriten in ihrer Gruppe. Was ist passiert?

Carlos Queiroz: Das Spiel gegen den Libanon war wieder einmal so ein Spiel, bei dem die stärkere Mannschaft auf dem Platz nicht gewinnt. Das passiert leider immer wieder im Fußball. Wenn sich der Trainer im Nachhinein beschwert und Dinge anspricht, die außerhalb des Spiels abgelaufen sind, werfen gerade Journalisten einem vor, man würde nur nach Entschuldigungen suchen.

Sie spielen auf die Pressekonferenz nach dem Spiel an, als ein Journalist ihnen vorwarf, sich aus ihrer Verantwortung zu ziehen. Dass Sie die Fehler nur bei den anderen sehen.

Ja, für ihn sah es wohl so aus, als würde ich mich rausreden wollen und nach Entschuldigen suchen weil wir verloren haben. Die Wahrheit aber ist, dass ich Dinge angesprochen habe um dem asiatischen Fußball zu sagen, sich endlich weiterzuentwickeln. Ich denke, der asiatische Verband und ganz besonders die FIFA, müssen einfach vielen Dingen mehr Beachtung schenken und sich darum kümmern, insbesondere wenn es um den internationalen Wettbewerb geht.

Was meinen Sie damit genau?

Das erste sind die Plätze. Die Rasenplätze sind ein riesen Problem im asiatischen Fußball, gerade im westasiatischen Raum. Ich spreche hier nicht über Qatar oder Saudi-Arabien. Die haben gute Plätze. Was ihnen jedoch fehlt, ist die Leidenschaft. Im Iran, in Jordanien oder dem Libanon haben die Menschen eine unglaubliche Leidenschaft für das Spiel, sie lieben Fußball. Sehen sie, die Libanesen haben wegen ihres starken Kampfeswillens gewonnen. Aber sie haben keine vernünftigen Rasenplätze zum Fußball spielen. Die Spielbedingungen im Libanon waren katastrophal. Ich verstehe wirklich nicht, warum die FIFA erlaubt hat, ein so wichtiges Spiel auf so einem Rasen zu spielen. 35 Minuten von hier in Saida haben sie ein gutes Stadion. Dort fand kurz zuvor das Freundschaftsspiel gegen Australien statt. Ein Freundschaftsspiel findet also auf dem besten Platz des Landes statt. Und die Qualifikation für eine Weltmeisterschaft findet auf einem so schlechten Platz statt. Ich kann solch eine Entscheidung einfach nicht verstehen. Jeder kannte das Problem des Rasens seit über zwei Wochen. Die FIFA-Kommission kam 24 Stunden vor dem Spiel nach Beirut aber am Ende interessiert es sie nicht.

Sie haben gesagt, es gibt viele Dinge, die die FIFA und der Verband ändern sollen. Was muss sich weiter ändern?

Der zweite wichtige Punkt, der eigentlich Vorrang hat, ist die falsche Vorstellung von Fair Play. Es gibt im Fußball zu viele Schauspieler, zu viele Lügner. Das habe ich im Libanon wieder gesehen. Alle drei bis vier Minuten unterbrachen die Libanesen das Spiel in der zweiten Halbzeit. Und der Schiedsrichter lässt es mit sich machen. Dabei sind doch die Regeln im Fußball ganz klar. Der Schiedsrichter unterbricht ein Spiel und nicht der Spieler. Und wenn der Schiedsrichter solche Spieler nicht mal mit einer gelben Karte bestraft, dann geht der asiatische Fußball nirgendswo hin. Wenn es nämlich zu wirklichen internationalen Partien geht, pfeift der Schiedsrichter so etwas einfach ab. Die Spieler sind dann nicht darauf vorbereitet, können nicht mithalten.

Und das ist ein allgemeines Problem im asiatischen Fußball?

Ja, natürlich! Ich spreche aber vor allem vom Iran, schließlich arbeite ich dort und sehe die Probleme täglich. Es ist das gleiche in der Liga. In vielen asiatischen Ligen wird das Spiel alle paar Minuten unterbrochen. Am Ende zerstören sie den Fußball mit all diesen Lügen. Die können doch nicht denken, dass der Fußball größer und bedeutender wird, nur weil man ein paar schöne Stadien in Qatar und den VAE hat. Man wächst nur, wenn man an der Jugend arbeitet, wenn man Geld in Plätze steckt, in gute Trainer und in gute, funktionierende Wettbewerbe und Ligen. Meiner Meinung nach entfernen sie sich so aber jeden Tag immer mehr vom internationalen Fußball. Es bringt doch nichts, Millionen in ein einziges Stadion zu pumpen wo dann große Turniere ausgetragen werden. Und während der Woche haben die Spieler aus den Ligen keine Plätze, um vernünftig zu trainieren. Das System kann doch nicht funktionieren.

Sie wurden 2011 Trainer der iranischen Nationalmannschaft um den Iran endlich wieder seit 2006 zu einer Weltmeisterschaft zu führen. Ist eventuell der Druck auf die Spieler und sie zu groß? Verliert die Mannschaft vielleicht einfach aus diesem Grund?

Nein, ich denke nicht. Natürlich ist der Druck riesig, die Iraner lieben Fußball. Sie können sich das nicht vorstellen, die Leidenschaft ist enorm groß. Ich habe so etwas wirklich noch nie gesehen. Aber der Druck ist nicht der Grund dafür, dass wir die letzten Spiele verloren haben. Der Hauptgrund, warum der iranische Fußball sich immer weiter vom internationalen Niveau unterscheidet, ist, dass es kaum Spieler gibt, die in Europa spielen. Vor sechs bis acht Jahren gab es viele Spieler in Europa, bei Bayern München zum Beispiel. Die Bedingungen im Land haben sich in den vergangenen Jahren aber verändert. Die Agenda des Irans war, ihre Spieler im Land zu halten. Es gab plötzlich Gute Gehälter. Für europäische Clubs, bis zu einem gewissen Grad, war es nicht mehr möglich, die Spieler nach Europa zu locken. Dies führte unter anderem dazu, dass die Spieler im Iran geblieben sind. Aber genau das ist falsch. Es ist unser größtes Problem, das die Spieler keine internationale Erfahrung haben.

Herr Queiroz, sie waren vorher Trainer Portugals, bei Manchester United und Real Madrid. Ihre Arbeitsbedingungen sind im Iran sehr viel anders. Haben Sie überhaupt vor, bis zur WM in Brasilien zu bleiben, oder sogar länger?

Natürlich sind die Bedingungen komplett verschieden in Bezug auf Professionalität. Im Iran ist das Ziel des Trainers, einen Fortschritt zu erzielen. Es geht darum, wie kann man mehr aus den Spielern rausholen, sie zu verbessern. Bis zum heutigen Tag gibt es keinen Grund, warum ich unzufrieden mit meinem Job hier sein sollte. Aber ich bin lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass es im Fußball nie einen Morgen gibt. Man weiß nie, was passiert. Ich bin hierher gekommen, um die Herausforderung anzunehmen, das Land nach Brasilien zu führen. Ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen. Das Team macht gute Fortschritte, ich glaube daran und aus diesem Grund bin ich hier.

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