Interview von Helen Staude /
Foto von Björn Zimprich
Die iranische Nationalmannschaft verlor in der WM-Qualifikation gegen den Libanon. Nun steht der Verband vor einer Krise, die WM in Brasilien wackelt. Helen Staude sprach mit Trainer Carlos Queiroz warum sich viele asiatische Länder vom internationalen Niveau immer weiter entfernen.
Helen
Staude: Herr Queiroz, Sie stehen mit dem Iran in der letzten Runde der
WM-Qualifikation. Das letzte Spiel gegen den Libanon haben Sie als klarer
Favorit überraschend verloren. Aber auch das Freundschaftsspiel gegen Jordanien
endete nur 0:0. Dabei ist der Iran einer der Favoriten in ihrer Gruppe. Was ist
passiert?
Carlos Queiroz: Das Spiel gegen den Libanon war wieder einmal
so ein Spiel, bei dem die stärkere Mannschaft auf dem Platz nicht gewinnt. Das
passiert leider immer wieder im Fußball. Wenn sich der Trainer im Nachhinein
beschwert und Dinge anspricht, die außerhalb des Spiels abgelaufen sind, werfen
gerade Journalisten einem vor, man würde nur nach Entschuldigungen suchen.
Ja, für ihn sah es wohl so aus, als würde ich
mich rausreden wollen und nach Entschuldigen suchen weil wir verloren haben.
Die Wahrheit aber ist, dass ich Dinge angesprochen habe um dem asiatischen
Fußball zu sagen, sich endlich weiterzuentwickeln. Ich denke, der asiatische
Verband und ganz besonders die FIFA, müssen einfach vielen Dingen mehr Beachtung
schenken und sich darum kümmern, insbesondere wenn es um den internationalen
Wettbewerb geht.
Was
meinen Sie damit genau?
Das erste sind die Plätze. Die Rasenplätze sind
ein riesen Problem im asiatischen Fußball, gerade im westasiatischen Raum. Ich
spreche hier nicht über Qatar oder Saudi-Arabien. Die haben gute Plätze. Was ihnen
jedoch fehlt, ist die Leidenschaft. Im Iran, in Jordanien oder dem Libanon
haben die Menschen eine unglaubliche Leidenschaft für das Spiel, sie lieben
Fußball. Sehen sie, die Libanesen haben wegen ihres starken Kampfeswillens
gewonnen. Aber sie haben keine vernünftigen Rasenplätze zum Fußball spielen.
Die Spielbedingungen im Libanon waren katastrophal. Ich verstehe wirklich
nicht, warum die FIFA erlaubt hat, ein so wichtiges Spiel auf so einem Rasen zu
spielen. 35 Minuten von hier in Saida haben sie ein gutes Stadion. Dort fand kurz
zuvor das Freundschaftsspiel gegen Australien statt. Ein Freundschaftsspiel findet
also auf dem besten Platz des Landes statt. Und die Qualifikation für eine
Weltmeisterschaft findet auf einem so schlechten Platz statt. Ich kann solch
eine Entscheidung einfach nicht verstehen. Jeder kannte das Problem des Rasens
seit über zwei Wochen. Die FIFA-Kommission kam 24 Stunden vor dem Spiel nach
Beirut aber am Ende interessiert es sie nicht.
Sie
haben gesagt, es gibt viele Dinge, die die FIFA und der Verband ändern sollen. Was
muss sich weiter ändern?
Der zweite wichtige Punkt, der eigentlich Vorrang
hat, ist die falsche Vorstellung von Fair Play. Es gibt im Fußball zu viele
Schauspieler, zu viele Lügner. Das habe ich im Libanon wieder gesehen. Alle
drei bis vier Minuten unterbrachen die Libanesen das Spiel in der zweiten
Halbzeit. Und der Schiedsrichter lässt es mit sich machen. Dabei sind doch die
Regeln im Fußball ganz klar. Der Schiedsrichter unterbricht ein Spiel und nicht
der Spieler. Und wenn der Schiedsrichter solche Spieler nicht mal mit einer
gelben Karte bestraft, dann geht der asiatische Fußball nirgendswo hin. Wenn es
nämlich zu wirklichen internationalen Partien geht, pfeift der Schiedsrichter
so etwas einfach ab. Die Spieler sind dann nicht darauf vorbereitet, können
nicht mithalten.
Und das
ist ein allgemeines Problem im asiatischen Fußball?
Ja, natürlich! Ich spreche aber vor allem vom
Iran, schließlich arbeite ich dort und sehe die Probleme täglich. Es ist das
gleiche in der Liga. In vielen asiatischen Ligen wird das Spiel alle paar
Minuten unterbrochen. Am Ende zerstören sie den Fußball mit all diesen Lügen. Die
können doch nicht denken, dass der Fußball größer und bedeutender wird, nur
weil man ein paar schöne Stadien in Qatar und den VAE hat. Man wächst nur, wenn
man an der Jugend arbeitet, wenn man Geld in Plätze steckt, in gute Trainer und
in gute, funktionierende Wettbewerbe und Ligen. Meiner Meinung nach entfernen
sie sich so aber jeden Tag immer mehr vom internationalen Fußball. Es bringt
doch nichts, Millionen in ein einziges Stadion zu pumpen wo dann große Turniere
ausgetragen werden. Und während der Woche haben die Spieler aus den Ligen keine
Plätze, um vernünftig zu trainieren. Das System kann doch nicht funktionieren.
Sie
wurden 2011 Trainer der iranischen Nationalmannschaft um den Iran endlich
wieder seit 2006 zu einer Weltmeisterschaft zu führen. Ist eventuell der Druck
auf die Spieler und sie zu groß? Verliert die Mannschaft vielleicht einfach aus
diesem Grund?
Nein, ich denke nicht. Natürlich ist der Druck
riesig, die Iraner lieben Fußball. Sie können sich das nicht vorstellen, die
Leidenschaft ist enorm groß. Ich habe so etwas wirklich noch nie gesehen. Aber
der Druck ist nicht der Grund dafür, dass wir die letzten Spiele verloren
haben. Der Hauptgrund, warum der iranische Fußball sich immer weiter vom
internationalen Niveau unterscheidet, ist, dass es kaum Spieler gibt, die in
Europa spielen. Vor sechs bis acht Jahren gab es viele Spieler in Europa, bei
Bayern München zum Beispiel. Die Bedingungen im Land haben sich in den
vergangenen Jahren aber verändert. Die Agenda des Irans war, ihre Spieler im
Land zu halten. Es gab plötzlich Gute Gehälter. Für europäische Clubs, bis zu
einem gewissen Grad, war es nicht mehr möglich, die Spieler nach Europa zu
locken. Dies führte unter anderem dazu, dass die Spieler im Iran geblieben sind.
Aber genau das ist falsch. Es ist unser größtes Problem, das die Spieler keine
internationale Erfahrung haben.
Herr
Queiroz, sie waren vorher Trainer Portugals, bei Manchester United und Real
Madrid. Ihre Arbeitsbedingungen sind im Iran sehr viel anders. Haben Sie
überhaupt vor, bis zur WM in Brasilien zu bleiben, oder sogar länger?
Natürlich sind die Bedingungen komplett
verschieden in Bezug auf Professionalität. Im Iran ist das Ziel des Trainers,
einen Fortschritt zu erzielen. Es geht darum, wie kann man mehr aus den
Spielern rausholen, sie zu verbessern. Bis zum heutigen Tag gibt es keinen
Grund, warum ich unzufrieden mit meinem Job hier sein sollte. Aber ich bin
lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass es im Fußball nie einen Morgen gibt.
Man weiß nie, was passiert. Ich bin hierher gekommen, um die Herausforderung
anzunehmen, das Land nach Brasilien zu führen. Ich bin zuversichtlich, dass wir
das schaffen. Das Team macht gute Fortschritte, ich glaube daran und aus diesem
Grund bin ich hier.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen